[UDATE] Gabor Maté über ADD (ADHS)

Ein Vortrag von Dr. Gabor Maté über ADD (ADHS) findet sich in unserem TV-Blog, für alle die es interessiert. (Englisch)

siehe auch Dr. Matés Buch:
Scattered Minds – How Attention Deficit Disorder originates and what you can do about it (im link finden sich Leseproben)

Nachtrag:

Gabor Maté sieht die Ursachen von ADHS hauptsächlich im Stress welchem die Eltern des Kindes ausgeliefert sind und der sich schon während der Schwangerschaft von der Mutter aufs Kind überträgt und die Hirnentwicklung entsprechend beeinflusst. Er betrachtet biologische Prozesse also nicht losgelöst von ihrem gesellschaftlichen Kontext, sondern stellt klar heraus, dass beides eng miteinander verwoben ist.  Folglich sollte ein therapeutischer Ansatz vorrangig darauf gerichtet sein, Stresssitationen in den Familien (bzw. in der Gesellschft allgemein)  zu vermindern und der Fokus weniger auf Verhaltensänderungen der betroffenen Kinder gelegt werden.

[UPDATE] hier noch eine Leseempfehlung zu einem Interview mit Gabor Maté

Dr. Gabor Maté has lived several lives in one. He’s most decidedly a risk-taker: the bestselling author of a controversial book on attention-deficit disorder called Scattered Minds, Maté is a political activist known for his (even more controversial) views on the Middle East, and a physician/psychotherapist who gave up his family practice several years ago to work with HIV-positive heroin addicts on the Vancouver’s downtown east side. Unflinching in the face of criticism, this is a man who will not keep silent about his multiple passions.


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Noch ein Fundstück aus der Hypiekiste

Einen wunderbaren Brief eines „AD(H)Slers“ habe ich heute aus der Hypies-Kiste ausgegraben. Es ist genau dieser Brief, den zu schreiben ich selbst schon einige male ansetzt habe. Michael, der Verfasser,  spricht mir wirklich aus der Seele und ich hätte es nicht besser schreiben können. Das Thema ADHS ist m. E zweitrangig, letzlich ist der Brief ein Plädoyer für Authentizität, Toleranz und den Mut das eigene Leben zu leben.

Lieber V.,

ich habe seit ich denken kann, mir selbst die strengsten Maßstäbe angelegt und habe immer nach einer Art „Tadellosigkeit“ gestrebt, sei es aus Angst, nicht bestehen zu können, sei es Hochmut vor dem Herren, dass ich keine Fehler machen wollte oder etwas besseres sein wollte, als man mich glauben machte.

Wenn ich heute sage, es ist „gut“, so wie ich bin, dann schließt es diesen Hang zur beständigen Selbstkritik ein, denn selbst wenn es Lob hagelte, konnte ich es nicht bar abkassieren. Im Augenblick der Belobigung wurde ich meist noch kritischer, bzw. abgeklärter.

Aber irgendwann ist es wirklich gut und es reicht – grad wenn nun in den Büchern steht, dass ADD etwas sein soll, woran ich zu leiden habe, statt  wie in der Realität, auch immer wieder genau so sein zu wollen und das sich Entfernen von der Norm zu begrüßen.

Man sollte die Übersetzungen einmal überprüfen, wie oft im Deutschen das Wort „leiden an ADD“ eingesetzt wurde, wo im englischen Original das Wort „have ADD“ steht.

Ich brauche solche Kunststückchen nicht, um mich schlechter zu fühlen – ich habe alles an Bord, mich selbst zu sabotieren, da brauche ich nicht noch die Anweisungen anderer, die mich mit Zerknirschung sehen möchten, weil ich einer sein könnte, der „davonkommt“ und dabei eben nicht „leidet“.

Ich denke, grad die ADD-gemäßen Verhaltensweisen sind Ursache von Gewinn und Verlust, sind mein Leben. Ich will keine andere Nase und auch keine Pünktlichkeit, nach der die Nachbarn die Uhr stellen können.

Ehrlich gesagt, verstehe ich das Leben meiner Nachbarn nur „pro Forma“, ich würde es nicht eintauschen wollen, auch wenn es ganz „normal“ ist und ich die doppelte Menge davon bekommen könnte. Mir reichen schon die Geburtstags- und gelegentlichen betrieblichen Weihnachtsfeiern, wo mir immer wieder die Puste ausgeht, inmitten des Nichts.

Wenn ich mir die Selbstgefälligkeit vieler Menschen (offenbar vollkommen „gesund“) anschaue und wie unerschütterlich sie notfalls an mir zweifeln würden, statt an sich – dann denke ich, es reicht.

Ich lese in ADD-Büchern über die Gaben der „Normalen“, wie sie ihr Leben steuern, wie sie ihre Geschicke rational und „regelnormgesteuert“  schon mit Einsetzen der Reife mit 17 Jahren selbst meistern – nur kann ich mich nicht daran erinnern, solche Exemplare irgendwann in größeren Mengen angetroffen zu haben. Auch nicht auf dem Gymnasium.

Tatsächlich habe ich den Verdacht, dass wir dieser Fiktion der Normalität inzwischen vollkommen hilflos  aufsitzen, während in der Realität die allgegenwärtigen „normalen“ Sünder und „gesunden“ Abnormen überall durch die Straßen huschen und alle zusammen tatsächlich nur die Hälfte der Leistung korrekt erbringen, für die sie gelobt werden wollen.

Wer nicht dabei ist, der glaubt vielleicht, dass die Normalität bei allen anderen daheim ist, weil es den Anschein hat, solange man vor der Tür bleibt.

Wie dem auch sei – ich werde mich für meine kleinen Macken, aber auch die erfreuliche Mitgift meiner Ahnen nicht ewig schämen.

Es ist letztlich nur eine Frage des Respekts vor der Person, wenn die Gesellschaft aus der missbilligenden Beobachtung von ADD-Merkmalen die Forderung ableitet, ein ADDer solle sich nicht mit seinem „Versagen“ anfreunden, sondern sich und sein Verhalten umbauen lassen.

Wie viele Menschen zählen sich zur derzeitigen Elite und haben keine Hand für Kinder, können weder ein Musikinstrument spielen, noch ein Bild malen, noch ein Buch schreiben. Und lesen täglich mit leeren Augen unzureichende Informationen, fallen auf bestrenomierte Wirtschaftsgurus herein und lesen die Chartorakel von  Börsenanalysten wie Naturgesetze, glauben an Focus, Status, Telekom und Existenzgründer-Büros, ohne sich hinterher „dumm“ zu fühlen, wenn die Realtität sie eines Tages wieder hat.

Warum auch sollten sie sich auch „dumm“ fühlen? Niemand sagt ihnen solche Wahrheiten.

Warum sollte ich es tun?

Ich kann mit der Vorstellung leben, bestimmte Dinge nicht restlos fehlerfrei tun zu können, ohne darin einen Materialfehler zu sehen, der einen Makel begründet.

Ich muß nicht so clever sein, wie es das Ideal verlangt und ich brauche keine Karriere, die mich aufbraucht, so dass kein Urlaub mehr genug ist und kein Genuß meine Sinne mehr erreicht, weil ich nicht hinter meinen Möglichkeiten zurückbleiben kann und was aus mir machen will – wie all die anderen Anzugträger, die in ihren Autos im Stau sitzen und keine Zeit haben, ein Buch zu lesen.

Es darf auch etwas weniger sein, wenn ich dafür bleiben darf, wie es mir passt und meine Kinder ebenso. Wieviel weniger – das werden wir noch merken…

Zurück zum Thema:

Wie heißt es immer so schön, die Diagnose ADD ist keine moralische Diagnose, – daher kann es auch keine Einteilung in „gut“ oder „schlecht“ geben. Es gibt wohl kaum ADDer, die ihre blödesten Fehler gut finden und prinzipiell jeden Ausrutscher begrüßen.

Aber man kann und sollte sich „gut“ finden, so oft man es kann. Und diese positive Einstellung zu sich selbst sollte aus dem Inneren kommen und wenn es dort geboren wurde, wer wollte da der Richter sein.

Mit anderen Worten:

Und wenn ich eines Tages dement werden sollte und ein Alzheimer mich zu einer hohlen Glocke machen sollte, dann hoffe ich, dass ich hübsch klingen werde und die Leute nett zu mir sind, statt mit dem Finger auf mich zu zeigen. Soviel Respekt muß sein.

Der Rest ist wirklich nur Zeug, was Menschen anderen Menschen antun, damit diese sich auch schlecht fühlen. Ich hoffe, dass der  Leser sich besser fühlt, wenn er bis hier mitgelesen hat – wenn nicht, dann habe ich schon wieder einen Fehler gemacht.

Sorry.

Michael

Und irgendwann ist das Gerenne nach Makellosigkeit für jeden vorbei, vielleicht schenken wir den Alten ein bißchen mehr Beachtung, um dies nicht zu vergessen. Klar, die haben nicht mal die leiseste Ahnung von Computern …

Quelle

auch sehr lesenswert:

Über den Nutzen von ADS-Büchern

[…] Ich schreibe dies deshalb, weil ich die Gefahr sehe, sich selbst als „ADS“-Betroffenen zu sehen (was auch immer das sein mag) und nicht mehr als ganz eigene Züchtung, die vom Aufbau einzig ist.

Jeder Mensch ist so eine eigene Züchtung, wenn er sich wagt, seine Abweichungen nicht zu verstecken. Jedes Wesen hat tief in sich die Aufgabe, dafür einzutreten, seine besten Seiten „durchzusetzen“, damit diese Eigenarten „leben können“.[…]

mehr Briefe

So schaffen es auch Hypiekinder

Ihr Kind ist ein Hypie? Fängt ständig was an und zieht es nicht durch? Hibbelt nur rum und kann sich auf nichts konzentrieren ? Den Geigenunterricht will es auch schon wieder schmeissen?  Wie auch aus ihrem Kind doch noch  ein Wunderkind werden kann, zeigt uns hier das Pogo Girl (tatkräftig unterstützt von seinem Dad…)

ADHS- Zwischen Hypo und Hyper

Heute will ich nochmals  ein Thema aus der Hypies- Kiste hervorkramen (wirklich sehr schade, dass die Seite nicht mehr aktualisiert wird, sie gehört zu meinen absoluten Favoriten was das Thema ADHS betrifft!)

Die Hypis haben einen Text von Clara Nelson übersetzt, der wirklich sehr lesenswert ist und das Dilemma genaustens beschreibt, in welchem das ADHS dispositionierte Hirn sich befindet, nämlich dem des ständigen  Hin -und Her-pendelns zwischen einem Hypo und einem Hyper-Pol.

Hypo ist dabei das Zuwenig, an Aufmerksamkeit, die Weitschweifigkeit der Gedanken oder auch Indifferenz gegenüber der Außenwelt. Die Neigung hierzu ist vorhanden, wird aber unterdrückt, man kann gesellschaftliche Zwänge als gutes Argument erkennen, so nicht zu sein.

Also will der ADDer diese Neigungen nicht erleben, weil sie ihm offensichtlich schaden und schon seit frühem Kindesalter sanktioniert werden. Man nennt dies im Tadel dann Dummheit, Desinteresse.

Hyper meint das Übermaß an Aufmerksamkeit, das bekannte Festsitzen an einer Sache, das Sich-nicht-lösen-können, der „Fanatismus“ für eine Idee. Diese Haltung ist gesellschaftlich besser akzeptiert, solange die Ergebnisse und Handlungen „nützlich“ sind, ansonsten jedoch sind auch diese Neigungen zu unterdrücken, weil sie die Verfügbarkeit der Person in der Befehlskette beeinträchtigen. Man nennt dies im Tadel dann Eigensinnigkeit oder Trotzigkeit.

Der ADDer ist nun bemüht, sich entgegen seinen Neigungen zu beiden Haltungen (das ist kein Widerspruch), im mittleren Bereich – dem Normbereich – zu befinden, kann dies aber nur erreichen, wenn er sich immer wieder von beiden Polen entfernt, das heißt, wenn er pendelt. Es ist daher schlecht möglich, über den ADDer eine exakte Aussage zu treffen, ihn festzunageln auf einen bestimmten Standpunkt – er hat im engeren Sinne keinen. Es sei erinnert an Hans Magnus Enzensberger, der mal sagte, daß ein Standpunkt etwas für einen Baum sei, alles Lebendige wäre beweglich und schon bei einer Katze hätte man Schwierigkeiten, ihren festen Standpunkt anzugeben.

Aus Gesprächen mit erwachsenen ADDern ist zu erkennen, daß, wenn diese Menschen eine Gelegenheit hatte, ihr ADD auszuleben, es zu viel langsameren Bewegungen zwischen den Polen kommt. Es wird, wenn es denn möglich ist, lange Zeit nichts „Erwünschtes“ getan, sondern viel geschlafen mitunter exzessiv, viel getrödelt und dem lieben Herrgott der Tag gestohlen (hypo). Der ADDer ist in diesem Zustand seinen Gedanken am nächsten und erlebt die Umwelt nach ausgiebigem Winterschlaf klarer und eindringlicher. Diese Zeiten werden später gern erinnert, aber auch hinsichtlich des „Versumpfens“ befürchtet, weil man sich zu weit von der unermüdlichen Herde entfernt hat.

Dann gibt es lange Zeiten des atemlosen Tuns, die von hartnäckigem Streben und zielgerichtetem Wesen geprägt sind (hyper). Hier ist Ideenreichtum, Heroismus, mitunter Schlaflosigkeit vorzufinden, die den ADDer solange erschöpfen, bis er wieder in seinen erholsamen Winterschlaf zurückkehrt, wenn er darf. Wenn er nicht darf, gerät er in Gefahr. Das weiß er instinktiv.

Diese Neigung zum großen und langsamen Wechsel zwischen Rückzug und aktiver Beteiligung werden aber in der Regel gesellschaftlich nicht akzeptiert, das heißt, der ADDer durchlebt den Wechsel im Miniformat, mitunter täglich, als sinnloses Hin- und Her in viel zu kurzen Abständen. Er kann versuchen sich der aktiven Seite vollständig zu verschreiben, nur diese durch Dauereinsatz von Kaffee oder Medikamenten zu stärken, aber dann folgt unweigerlich der Rückfall, früher oder später, mit gutem Ausgang oder nicht so gutem bei zu großem Verschleiß.

Weder die forcierte Vertiefung auf eine Sache, noch die verhuschte Entspannung ergeben ein Ganzes – der Mensch verflacht (angesichts seines Potentials), ergibt sich in sein Schicksal oder verweigert. Und selbst hier gibt es noch das Pendeln zwischen der Suche nach Anerkennung und dem trotzigen Beharren auf etwas, was er seit seiner Geburt kaum in der Lage war, auszuleben.

Man kann grundsätzlich sagen, daß ADDer eine andere „Hardware“ besitzen und ein anderes „Programm“ zu laufen haben, daß gern in den Schlafmodus verfällt, weil es hilft, die Energien aufzutanken, die man für ein Leben „mit herabgesenktem Schild“ braucht, wobei der ADDer während der vorhandenen Aufmerksamkeitsspannen intensiver wahrnimmt und dabei allzu schnell einer Reizüberflutung unterliegt, die ihn paralysiert.

Das ADDer eine andersgeartete Reizeingangs- und Impulssteuerung verfügen, ist ein bekanntes Detail des ADD-Bildes. „Neue Funde“ über diese und andere Hardware-Komponenten des ADD sollten nicht überraschen, wann immer sie gefunden werden.

Wir leben in einer medialen Welt, die einerseits an Informations-Durchfall leidet, andererseits keine Informationstiefe liefert. Dies ist für den ADDer eine schwierige Hürde, weil seine Programmierung es ihm zusätzlich nicht erlaubt, Halbinformationen als vollständig zu akzeptieren.

Unverstandene Informationen lassen ihn festhängen, er sucht nach Verständnis, scannt seine sämtlichen Datenbanken und mentalen „Schatzkarten verborgenen Wissens“, während der Zug davonfährt. Wenn er soweit ist, ist es mitunter Jahre später. Aber dann sitzt es und wird gekonnt eingesetzt, leider fragt nun niemand mehr danach.

Ein ADDer kann versuchen, eine Weile auf einer Welle des Halbverstandenen zu surfen, mit Reizworten um sich werfen und so tun als ob, aber es bleibt dabei: Alles was sein Programm nicht systematisch in die vorhandenen mentalen Landkarten sauber einordnen kann (wie ein Eingeborener seine Umgebung verinnerlichen kann), wird nicht akzeptiert, langfrist vergessen oder eben bestritten.

In unbestimmten Abständen entleert sich der Vorrat an nicht verarbeitetem Wissen und der ADDer steht wieder am Anfang. Diese Erfahrung verführt ihn oft zu der Fehleinschätzung, daß man alles immer wieder neu erfahren kann, neu erleben kann, das der Anfang stets nur ein paar Schritte entfernt ist. Was ja nicht unbedingt schlecht sein muß, denn viele Dinge vertragen eine erneute Beschäftigung, während mancher sich mit veraltetem Wissen durch sein Leben bewegt.

Fazit: ADD erlaubt keine Momentaufnahme eines Zustandes, der fortwährend vorzufinden ist, daher ist eine Diagnose schwierig, wenn sie denn notwendig sein sollte, um ein Bewußtsein für die Andersartigkeit der Person zu erzeugen – was wiederum mitunter zu mancher Hilfe führen kann.

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