Benztown, 6. Mai 1984

Endlich Ruhe!

Während ich heute den ganzen Tag das Haus hüten musste u. den Frühling nur durchs offene Fenster begrüßen konnte, brummten da anstelle von fröhlichen Hummeln, unaufhörlich Hubschrauber durch die Lüfte. Von morgens bis abends ohne Unterlass! Ich krieg das Geräusch kaum noch aus den Ohren! What the hell is hier los?

google konnte mir auch keine Auskunft darüber erteilen, das einzige was die auspuckten war ein Groß-Hubschraubereinsatz im Kaiserstuhl gegen Maikäfer, der allerdings schon im April gestartet wurde.

Wenn das morgen wieder losgeht, reiche ich einen persönlichen Beschwerdebrief im Ministerium für Liebe ein!

und jetzt gute n8!

Advertisements

Stammheim

Mein Freund der Baum ist tot und ich sitze hier, zwangsverpflanzt,  in Stammheim ein.

Stuttgart 21 plus – der Schloßgarten ist Geschichte.

Wer von uns hätte sich das vor wenigen Monaten noch träumen lassen. Wir hatten den dicken vom Stuhl gefegt, uns kompromisbereit gezeigt und einem Volksentscheid zugestimmt. Hatten „Wir sind das Volk“ gerufen. Und alles deutete auf einen Triumph der Vernunft.

Aus einem grün-roten Ländle, wurde ein rot-grünes Vaterland. Die Kanzerlin hatte den Zickzackkurs ihrer Genossen satt und stellte die Vertrauensfrage, Sarrazin wurde Vizekanzler, Siemens schickte seine Hitmänner nach Bolivien und Daimler und Bosch entwickelten ihren neuen Solarbenz-Prototypen, den Supersmart 21.

Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Ausland wurden per Volksentscheid in ihre Heimatländer ausgewiesen, während die Einbürgerungsbestimmungen für hochintelligente Ingenieure aus erblich unbelasteten Regionen erleichtert wurden. Einheimische Wirtschaftsflüchtlinge wurden ungeachtet ihrer persönlichen Qualifikationen und im Rahmen einer neu entwickelten, nationalen Eingliederungsvereinbarung  zur Sicherstellung der im Grundgesetz festgeschiebenen Sozialstaatlichkeit, zur Sozialarbeit verpflichtet.

Das Regierungsviertel in Berlin wurde im Zuge der neuen Demokratiebewegung nach und nach verkleinert und dezentralisiert, während das neue Kompetenzzentrum für „Nachhaltiges Wirtschaften und soziale Gerechtigkeit“ in Gütersloh mit der Steuerung dieser Dezentralisierung beauftragt wurde.

Studiengebühren wurden abgeschafft und durch von gemeinnützigen Stiftungen aus der Finanz-und Rüstungsindustrie geschnürte Bildungspakete, ersetzt.

Die letzten Atommeiler wurden zu Endlagern transformiert und lediglich für die Herstellung von panzerbrechenden Memschenrechts-Verteidigungsgeschossen gegen aufständige Diktatoren verwendet.

Und Benztown bekam endlich seinen neuen Bahnhof.

Mein Freund der Baum ist tot und ich sitze hier, zwangsverpflanzt, in Stammhein ein, genau wie all die anderen „Feinde der neuen Demokratiebewegung“ – eine Bewegung, die einmal die unsere war.

Ps. Dies ist der traurige Gegenentwurf zu Jean Zieglers erhofftem „Aufstand des Gewissens“ – ich hatte ihm diesen Alptraum vor längerer Zeit einmal in einem Brief geschildert.  Und auch wenn mir die Vorzeichen -(bzw. Anzeichen-wir sind ja schon mittendrin!)  dieser Dystopie den Schlaf rauben , so weigere ich mich intsändig, vor ihnen zu kapitulieren. Soll heißen, ich weigere mich, diesen Alptraum zu träumen u. verzichte lieber freiwillig auf den „Schlaf der Gerechten.“

Liebe Kitty

Wie du weisst, gehe ich derzeit auf dem Zahnfleisch spazieren. Mein Nervenkostüm scheint mir irgendwie nicht mehr so richtig zu passen, nicht dass ich zugenommen hätte, beileibe nicht. Das Untergewicht hält sich konstant. Evtl. sollte ich darüber nachdenken, eine Mastkur an der See mit anschließender Kreuzfahrt über den Nil zu buchen. Allerdings wissen wir beide sehr genau, dass es dazu nicht kommen wird. Dem militärisch-industriellen Komplex ist einfach nicht zu trauen. Weder am Nil noch anderswo. Schau dir an was sie in Libyen veranstalten. Und das alles nur um ihre Aktienkurse vor dem sicheren Verfall noch mal eben in die Höhe zu jagen, ein wenig Viagra und dann wirds ihnen schon nochmal kommen.

An einen gemütlichen Kibbutzaufenthalt zur Resozialisierung meines Eigenbrötlertums und zur Stärkung der Abwehrkräfte ist derzeit auch nicht zu denken,  unser gemeinsamer Freund Rolf Verleger hat ja schon dargestellt warum.

Was nun die Schwabenmetropole betrifft, so wird dort zwar unaufhaltsam gegen dieses Irrsinsloch im Untergrund geschaufelt, doch wenn es um diesen o.g. Komplex geht, verkriechen sich alle wieder in ihre eigenen Löcher. Außer ein paar roten Fahnenschwenkern, die den Leuen Angst u. Schrecken einjagen – war keiner zu sehen. Kein Wunder, wenn außer dem Wort „Imperialismus,“ das im Gegensatz zu dem erhofften Groschen, gefühlte 200 mal fiel, weiter nicht viel zu hören war. Und solange das Blut im Trinkwasser, das hier so üppig aus den Hahnen quillt, nicht gesehen wird, das Wasser dafür aber den Durscht löscht, scheint ja doch noch alles in bester Ordnung zu sein.

Naja immerhin ein paar bebrillte händymänner machten Fotos, ich lächelte und winkte ihnen freundlich posend zu. Man kann ja nie wissen, ob sie nicht auf dem Tisch irgendeines Headhunters landen und der Entdeckung meines angeknaxten Talents doch noch einmal dienlich sein könnten.  Meiner durchkreuzten Hollywood-Karriere am Konstanzer Theater will ich jedenfalls nicht länger nachtrauern. Schon gar nicht kurz vor Karfreitag. Da gilt es sich auf die Wiederauferstehung zu konzentrieren. Und ich will hier auch niemanden anklagen, nein Kitty, das steht mir nicht zu. Ich hätte ja die Möglichkeit gehabt, das Mikro in die Hand zu nehmen und mein Anliegen mit dessen Hilfe akustisch zu verstärken. Es wurde mir schließlich gereicht. Und ich  konnte es nicht annehmen, weil dieses verdammte Nervenkostüm auseinanderzufallen drohte.

Der einzigen, der ich heute also einen Vorwurf machten könnte, bin ich, Kitty.

Bis bald

Just me.

PS. Solange sich die Menschen noch nicht mal darüber wundern, dass eine „No Fly Zone“ als Lenkflugautobahn für durchgeknallte Bombenraser herhalten darf, solange wundere ich mich auch nicht darüber, dass es Menschen gibt, die glauben den Chinesischen Machthabern ginge es um Aufklärung, Menschenrechte und Humanismus.

Können die Linken das Korrektiv der vergilbten Grünen sein?

Und wenn ja, wie?

2 Leseempfehlungen:

ps. Roberto merkte in seinem Text an, dass einige der S21-Gegener über diesen seinen Beitrag nicht so erfreut waren, manche sogar sauer wurden…tja so ist das leider, wo das Aussprechen unliebsamer Wahrheiten lediglich Abwehrmechanismen hervorruft, dort übernimmt dann der Selbstbetrug die Rolle des Korrektivs. Soviel „Chancengleichheit“ darf dann doch sein, nicht wahr?

Offen gestanden habe ich persönlich das Parteiengedöns längst satt. So habe ich mich der vorgeschriebenen Doktirn der „Eigeninitiative“ unterworfen. What the hell sollte ich auch sonst tun? Mit dem Spaten vor Gericht ziehen, und dort nach dem versenkten Grundgesetz graben? Dazu braucht man wohl eher einen Presslufthammer. Also mach ich jetze erschtamol eine uff schwäbische Hausfrau, die sich nebenberuflich als Njukammer (Spar)-Buchautorin erprobt und zudem noch an ihrem Eigenheim der Extraklasse bastelt.  Also ihr Grünen, Euer Dosenpfand könnt ihr wegen mir gerne behalten!

flatteur!

Kein Bock mehr auf Benztown für Bonzen

Ich zitiere mich heute mal selbst, bzw. meinen comment bei flatter:

Geheimrätin meint:
November 13th, 2010 at 15:39

Also bei allem Respekt für wirklich engagierte Gewerkschafter. Aber es gibt Dinge, für die ich echt zu alt bin. Z.B. Kundgebungen von Gewerkschaftern oder Schulreformern die mit dem Zitieren von Bertelsmannstudien(!) für bessere Bildung kämpfen.

Ich platzte nun vorhin, leider wie immer verspätet, genau in eine solche Kundgebung hinein und – nahm sofort wieder Reißaus.

Ne, das kann doch alles nicht mehr wahr sein. Und wie ich meinen Unmut kundtue, quatscht mich ein Gewerkschafter von der Seite an und meinte, es gehe doch auch um meine Bildung! Ich sags ja – die BILDerberger sind mitten unter uns.

Was mach ich also mit dem angefangen Tag – mich an die Arbeit mit dem renovieren. es gibt hier so ein altes kl. leerstehendes “Atelier” in dass ich demnächst umsiedle und mich damit dann der Willkür wuchernder Immobilienhaie entziehe. Soweit ist es schon mit mir gekommen, dass ich die “Eigenintitative” mitlerweile derartig verinnerlicht habe u. lieber auf kleinstem Raum mich zusammenraffe als mich weiterhin der Raffgier und Willkür irgendwelcher Immobilienspekulanten auszusetzen. Denn eins ist klar, es kann nicht nur um höhrere Löhne gehen, es muss vor allem darum gehen, weniger malochen zu müssen und mehr Zeit zu haben um all das tun zu können, was getan werden muss und will! Zum bsp. Zeit für Kinder und Bildung in Form von Leben zu haben. Zeit für Kreativität und solidarisches “schaffe”. Zeit für Gartenbau und innerstädtischen Fortschritt auf der Basis kommunaler Selbstgestaltung.

Sorry an alle engagierten Gewerkschafter, aber das war echt zuviel. In dem Fall halte ich Haus-(gegebenenfalls auch Bahnhof-)besetzungen für wesentlich nachhaltigere Aktionen als Trillerpfeifen und schlaftrunkene Sprüche. Ich sehe einfach keinen Sinn mehr darin.

Ps. ich beziehe mich auf diese Veranstaltung